Während Live-Streams früher auf Webseiten von TV Sendern (z.B. ZDFmediathek) ein Highlight waren, haben sich Live-Videos seit 2015 in soziale Netzwerke und mobile Apps verlagert. Auch Facebook sieht die Zukunft für digitale Inhalte im Bereich Video und Live-Video. Eine Entwicklung, die wir alle mit einem kurzen Blick in unseren „mobilen“ Newsfeed erkennen können. Hier haben Bewegtbild-Inhalte inzwischen klar Überhand eingenommen.

Facebook Live setzt den Fokus auf mobile Live-Streams. Videos werden mit dem Smartphone erstellt und von Menschen mit ihren Smartphones konsumiert. Es geht nicht um Hochglanz-Videos, ein Live-Stream muss nicht perfekt sein. Es geht um das Live-Erlebnis und die Live-Interaktion.

Facebook reagiert mit seinem neuen Feature auf die Konkurrenzsituation zu YouTube und den Live-Streaming-Hype um Snapchat oder Twitters Periscope. Facebook Live ist der konsequente nächste Schritt, den Markt der Konkurrenz anzugreifen und die eigene Videovermarktung auszubauen. Nicht nur, dass die Kalifornier laut dem Wall Street Journal mehr als 50 Millionen US-Dollar an Medienunternehmen wie Buzzfeed oder die New York Times ausschütten, damit sie Facebook Live nutzen, nein, es wird auch verstärkt an neuen Funktionen gearbeitet.

Facebook arbeitet an neuen Live-Streaming-Funktionen

Die Verantwortlichen haben unter anderem Gruppen-Streaming in Aussicht gestellt. Die Standardfunktion soll quasi auf mehrere Nutzer ausgeweitet werden, die zusammen eine Übertragung aufbauen können. Allerdings, so die Ankündigung, wird das Feature zuerst nur für verifizierte Seiten bereitgestellt und erst später auf alle Nutzer ausgerollt werden.

Ebenfalls interessant ist, dass Facebook an einem Warteraum arbeitet. Dahinter verbirgt sich eine Funktion, die es Nutzern ermöglicht einen Stream vorab anzukündigen.

Vor allem jüngere User dürfen sich zudem über die Videofilter freuen, die Facebook so schnell wie möglich einrichten will. Facebook Live-Nutzer können sich dann – ähnlich wie bei Snapchat – Masken über das Gesicht ziehen. Dazu haben die Verantwortlichen im Frühjahr das Startup MSQRD aufgekauft, das die entsprechende Technologie bereitstellt.

Monetarisierung – Wie Facebook mit Live-Anwendungen Geld verdienen will

Mit den Live-Partnerschaften (Medienunternehmen wie Buzzfeed, Bild & Co.) kauft sich Facebook selbst Zeit, um Monetarisierungswege für das Live-Streaming zu finden. Außerdem will das Unternehmen damit qualitativ hochwertige Inhalte fördern. Vereinbart wurde, dass die Vertragspartner ihre Influencer-Rolle nutzen, um Facebook Live präsenter zu machen.

In Kalifornien geht man jetzt schon davon aus, dass vor allem Werbeblöcke mitten im Stream sinnvoll wären: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen länger als eine Stunde live übertragen, […] So kann man sich gut vorstellen, dass eine Werbepause in der Mitte eines Live-Videos in diesem Zusammenhang gut funktionieren könnte“, erklärt Facebook Director of Video, Fidji Simo, auf der VidCon-Konferenz. Für die Verantwortlichen steht fest, dass Videoinhalte zukünftig das Bild auf Facebook verstärkt ausmachen werden. Wie die Inhalte die Kassen füllen können, ist insofern eine strategisch extrem wichtige Frage. Ähnlich wie bei YouTube will Facebook offenbar die Werbeeinnahmen durch die Live-Videos mit den ausgewählten Usern teilen.

Hohe Aufmerksamkeit im Newsfeed für Facebook Live

Live-Videos werden im Newsfeed höher eingereiht – allerdings nur dann, wenn der Stream tatsächlich gerade läuft. Aufzeichnungen von Live-Streams sind von der Priorisierung im Newsfeed ausgenommen, diese werden ganz normal im Facebook-Feed der Nutzer gespeichert. Klar ist aber auch, dass ein Großteil der Views erst im Nachhinein dazu kommen.

Geht es um die Reichweite, können weder Periscope noch Snapchat mit Facebook mithalten. Vorbei sind die Zeiten, in denen Live-Streams linear verlaufen. Es geht um unmittelbares Feedback und unmittelbare Reaktionen. Nahezu alle Unternehmen sind auf Facebook vertreten. Sie fühlen sich auf Facebook zu Hause und haben mit Facebook Live ein neues Format bekommen, um direktes Feedback zu erhalten und den Fankontakt zu stärken. Hinzu kommt, dass Facebook bereits die nächste Stufe des Live-Streamings eingeleitet hat: 360 Grad Videos und Virtual Reality.

Ranking der größten sozialen Netzwerke und Messenger nach der Anzahl der monatlich aktiven Nutzer im April 2016 (in Mio), Bildquelle: Statista

Ranking der größten sozialen Netzwerke und Messenger nach der Anzahl der monatlich aktiven Nutzer im April 2016 (in Mio), Bildquelle: Statista

 

Ebenso wichtig wie gute Inhalte sind die Push-Benachrichtigungen für das neue Feature – auch wenn viele Nutzer schon stöhnen: „Nervig und übergriffig, aber zahlt sich aus“, so der Titel einer Kolumne in der New York Times über Facebook Live. Seit kurzem haben Nutzer jedoch die Möglichkeit bekommen, die Benachrichtigungen für Facebook Live zu deaktivieren. Welche Effekte dies auf die Verbreitung von Facebook Live Videos haben wird, wird sich erst zeigen.

Verbesserte Statistiken für Facebook Live Videos

Je mehr Unternehmen Facebook Live nutzen, desto wichtiger wird die Analyse der veröffentlichten Videos werden. Aus diesem Grund hat Facebook die Statistiken verbessert.

Bildquelle: Facebook Media

Bildquelle: Facebook Media

Unternehmen können nun genau verfolgen, wie viele Menschen sich ein Video angesehen haben und wie sich die Zuschauerzahlen zu bestimmten Zeitpunkten entwickelt haben. So lassen sich die Inhalte eines Videos optimieren und man bekommt ein Gespür für die kommunizierten Inhalte und die optimale Länge eines Videos.

Bildquelle: Facebook Media

Bildquelle: Facebook Media

 

Unternehmen sollten jedoch nicht planlos Live-Videos veröffentlichen. Viel mehr sollte man das Feature verfolgen, ausprobieren und über mögliche Szenerien nachdenken. Facebook Live ist nicht für jedes Unternehmen gleich effektiv. Red Bull ist prädestiniert für Facebook Live und dass mit einer hohen Frequenz. Andere Unternehmen sollten Facebook Live gezielter einsetzen, wenn sich die passende Gelegenheit bietet.

Interaktion erzeugt Viralität

Social Media bedeutet Interaktion und Bewegung – also die perfekte Möglichkeit, den Kunden einzubinden. Facebook Live bietet mit seiner Kommentarfunktion die Grundlage dafür: der Zuschauer wird dazu animiert, aktiv mitzuwirken. Reine Zuschauer sind wie Page-Likes, völlig sinnlos. Die Interaktion bindet den Kunden an die Marke und erzeugt Viralität. Und je authentischer und je offener der Stream, desto höher die Wahrscheinlichkeit, den Zuschauer aus seinem sicheren Versteck herauszulocken und aktiv in das Gesehene einzugreifen, sei es via Kommentare, Shares oder Likes.

Trotzdem muss bei Live-Videos zwischen Produzenten und Konsumenten unterschieden werden. Wenn es um private und persönliche Inhalte geht, ist Snapchat wohl eher der passende Kanal. Es ist aus unserer Sicht unwahrscheinlich, dass Menschen Facebook Live nutzen werden, um ihren Alltag zu dokumentieren. Eher werden sie Facebook Live Videos von Medienunternehmen, Events und Prominenten konsumieren – und das täglich. Wenn es aber rein um die Reichweite geht, wird Facebook Live vorerst das dominierende Format bleiben.