Tab-Apps sind tot! Lange leben Facebook-Apps.

Aus gegebenem Anlass sehe ich mich dazu verpflichtet, ein paar klärende Worte zum heute erschienenen Artikel zum Ende der Page Tabs zu schreiben.

Zum Hintergrund: Thomas Hutter hat in seinem heutigen Beitrag die metaphorische Frage gestellt, ob Page Tabs tot seien. Diese Frage basierte auf einer Studie von socialBench. Mir erscheint die Berichterstattung hierzu deutlich einseitig, weshalb ich das Ganze etwas genauer unter die Lupe nehmen möchte.

Im Artikel werden drei Thesen/Aussagen getroffen:

1 – Unternehmen integrieren Page Tabs in ihre Fanpages, diese besucht aber keiner
2 – Der Newsfeed is King
3 – Die Inhalte der Page Tabs sind nur auf dem Desktop erreichbar und nicht auf mobilen Geräten bzw. sind über das Workaround (ref ts) des mobilen Browsers zwar erreichbar, aber nicht responsive, nicht in einem nutzerfreundlichen und v.a. nicht in einem social Design, wie es Facebook wünscht.

Page Tabs haben es unter den Social Media Experten leider nie wirklich zu Ruhm geschafft, somit ist die einseitige Darstellung auch nachvollziehbar. Hierfür will ich auch keine Lanze brechen, sondern nur für Facebook Apps allgemein. Aber dazu später, zunächst erst einmal die Studie.

Grundlegend stelle ich mir bei der Studie von socialBench die Frage der Relevanz. Es wurden schließlich nur 350 deutsche Fanpages analysiert. Zwar existieren keine einheitlichen Zahlen zu deutschen Facebook Pages, aber allein wir haben mittlerweile deutlich mehr Kunden mit Fanpages – und dabei möchte ich mich nicht dem Größenwahn hingeben, wir hätten den deutschen Markt erobert. Für mich ist bei der Studie einfach keine statistische Relevanz gegeben. Jeder kann sich Fanpages von Unternehmen, die wirklich auf Facebook aktiv sind, anschauen und wird feststellen, dass diese deutlich mehr Apps in Form von Tabs integriert haben, als die in der Studie ermittelte 1,2 pro Seite. Gleichzeitig sollte erwähnt werden, wie die Daten erhoben wurden. Kein Analysetool kann diese Daten ohne Permission erheben, somit liegt der Verdacht nahe, dass Kundendaten verwendet wurden, was auch erwähnt werden sollte. Hierzu haben wir eine kleine Analyse eigener Kampagnen durchgeführt und kommen auf einen Wert im mittleren dreistelligen Bereich an Aufrufen pro Tag. Diese wurden etwa zu gleichen Teilen beworben, haben ihre Reichweite aber auch durch open graph Integrationen erreicht.

Auch Michael Kamleitner von den Socialisten aus Wien bestätigt diese Aussage: „Die von socialBench veröffentlichten Zahlen erscheinen auf den ersten Blick dramatisch, erweisen sich bei näherem Hinsehen aber als kaum stichhaltig, sogar irreführend. So wird leider – wie so oft, auch von „Insidern“ – mit ungenauen Begrifflichkeiten gearbeitet. Im Artikel ist von „Facebook Apps“ oder schlicht „Apps“ die Rede, die kaum Aufrufe erzeugen und sich daher für Unternehmen nicht mehr „lohnen“. In Wirklichkeit trifft dies wohl ausschließlich auf die Page Tabs der 350 untersuchten socialBench Kunden zu. Erfolgreiche Facebook Apps werden 2014 aber nicht primär in Page Tabs, sondern als Microsites, mobile Apps, Websites etc. umgesetzt. Das diese Inhalte bei sauberer Umsetzung (Stichwort mobile Weichen, siehe dieser Post aus dem Januar 2013 sowohl mobile als auch im Tab laufen, sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben. Für „Die Socialisten“ sind Tab-Apps also seit 2012 Inhalte, die eben „zufällig“ auch in 810px breiten Facebook Tabs ordentlich dargestellt werden. Es ist daher völlig irrelevant wie oft oder selten Page Tabs tatsächlich angeklickt werden – viel mehr kommt es auf die darin enthaltenen Inhalte, die technisch einwandfreie Umsetzung auf allen Devices und nicht zuletzt die optimale Nutzung der FB Distributionsmittel (paid & organisch) an. Gemessen wird der Erfolg am Ende des Tages nicht an den von Facebok Page Insights ausgegebenen Tab-Klicks, sondern am Traffic der tatsächlich erzeugt wurde (Unique Visitors laut Google Analytics o.ä.) – egal ob dieser direkt, mobile, via Such-Maschine, oder tatsächlich über ein Tab gekommen ist.“

Wenn die Thesen des Artikels sich tatsächlich auf diese Datenmenge stützen, muss ich also zweifeln. Die Aussagen, die gemacht werden, sind nicht falsch und – dies möchte ich deutlich unterstreichen – auch ich denke, dass Page Tabs den Peak ihres Daseins erreicht haben. Doch hier wird nur die eine Seite der Medaille dargestellt.“

1 – Die Zeiten des Welcome Tabs auf einer Fanpage sind längst vorbei und seitdem hat sich deren Einsatz auch deutlich gewandelt. Fanpage Besucher gelangen direkt auf die Timeline der Page und keinen vorgelagerten Tab. Kein Fanpagebetreiber sollte davon ausgehen, dass seine Fans irgendeinen Tab aus Eigenantrieb besuchen. Neu ist diese Erkenntnis nicht. Nein, stattdessen müssen Inhalte in einem Tab in den Newsfeed, denn dieser ist ja bekanntlich King.

2 – Ja, der Newsfeed ist King. Genau dort müssen Fanpagebetreiber um alle Facebook User buhlen, egal ob dies nun aufgrund organischer Reichweite, mittels Mediabudget oder über Open-Graph-Stories geschieht. Gerade Letzteres trägt essentiell zur Verbreitung bei, wie wir in einem früheren Beitrag gezeigt haben.

3 – Die letzte Aussage stört mich am meisten, denn zeigt sie nicht die Realität des Marktes. Ja es stimmt, dass Links zu Page Tabs auf mobilen Geräten ins Nirvana führen. Aber nicht nur wir, sondern auch andere Anbieter am Markt haben mobile Weichen in die Apps integriert, die das Device des Users erkennen und ihn auf unterschiedliche Landingpages leiten. Die Grafik anbei zeigt die User Journey unserer Apps. Wir liefern zu jeder App ein solches Gateway. Dabei ist die Darstellung an das Device angepasst und responsive auf mobilen Geräten, weil dort eben deutlich weniger Platz vorhanden ist.

Page_Tabs_sind_tot

Bestätigt wird meine Meinung auch von Jan Firsching von Futurebiz, der in seinem Artikel die Geschichte der Facebook Tabs über die letzten fünf Jahre dargestellt hat: „Die Diskussionen um Facebook Tabs sind wichtig, aber stellen keine neue Entwicklung dar. Wie jeder Beitrag, benötigen auch Facebook Apps den News Feed, um sich zu verbreiten. Entscheidend ist der Link zur App und nicht ob Tab, Canvas, oder Webseite. Facebook Apps benötigen keine Tabs. Sie brauchen Aufmerksamkeit im News Feed und hierfür gibt es jede Menge Möglichkeiten. Auch für die mobile Nutzung. Tabs sind am Ende. Facebook Apps/Apps mit Facebook Anbindung noch lange nicht.“

Ich verwehre mich gegen den inflationären Einsatz von Gewinnspielen auf Facebook. Jeder hat die dazugehörigen Klickmafias und Hausfrauengemeinschaften schon kennengelernt. Der „Fan“ als einzige Metrik des Erfolges von Facebook Kampagnen ist schon lang nicht mehr zeitgemäß, noch viel mehr seit der starken Diskussion um die Reduzierung der organischen Reichweite. Facebook kann mehr als nur Fans generieren. Auch wenn das Unternehmen nicht erst mit Bekanntgabe der letzten Quartalszahlen immer deutlicher ein mobiler Vermarkter wird, ist es auch ein erstklassiges Medium um zielgruppenspezifische Leads zu akquirieren und damit ein wichtiger Traffic-Generator in der Customer Journey, wobei Facebook Apps ein wichtiges Hilfsmittel sind und auch bleiben werden.

  1. Thomas Hutter
    Thomas Hutter says:

    Lieber Sandro

    Danke für den Artikel und die Präzisierung. Auch wir verwenden schon seit längerer Zeit in Applikationen entsprechende Weichen für Mobile. Bei Kampagnen verwenden wir ausschliesslich kombinierte Apps, welchen im Responsive Design für Mobile Geräte oder komplett ausgelagert in Microsites zur Verfügung stehen. Michael und sein Team, Du und Dein Team, ich und mein Team sind dabei aber da eher ausnahmen. Viele „Billig“-Anbieter und weniger versierte Agenturen gehen technisch nicht so weit und bieten eben nicht „intelligente“ Apps an. Und darauf beziehen sich meine Schilderungen, schlussendlich sind das die „Apps“, welche die „budgetbewussten“ Unternehmen schlussendlich einsetzen und dann eben auch nicht wirklich funktionieren – häufig auch auf Grund „falscher“ oder gänzlich fehlenden Ads Schaltungen. Unternehmen, welche wir und Michael hauptsächlich bedienen, gönnen sich den Luxus optimierte Applikationen einzusetzen und haben in den meisten Fällen auch richtig tolle Ads Budgets für die Bewerbung zur Verfügung.

    Daher bin ich absolut bei Dir, dass „Apps“ nicht tot sind – nach dem alten Prinzip gebaute Tab-Apps ohne Berüchsichtigung von Social Design sind aber definitiv zum Sterben verurteilt.

    Bei der Untersuchung von Social Bench wird hervorgehoben, dass es sich um Daten von 350 Seiten aus Deutschland mit einer Grösse von 10.000 bis 2 Millionen Fans herangezogen. Auf diesen Auftritten wurden 431 installierte Apps identifiziert. Dass es sich dabei um Statistikdaten von SocialBench Kunden handelt, ist soweit klar – in den AGB von SocialBench ist geregelt, dass SocialBench dies auch darf. Ich bin allerdings einverstanden, dass eine „objektive“ Bewertung eine Unterteilung nach „passiven“ Tab-Apps (statische Inhalte wie Impressum, Netiquette, etc.) und aktiven Tab-Apps (Kampagnen, Promotionen) gemacht werden müsste. Ebenfalls müsste unterschieden werden, ob Apps beworben oder eben nicht beworben werden.

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  2. Stephan Mayer
    Stephan Mayer says:

    Hallo Sandro,

    wenn man sich Berichte im englischsprachigen Web anschaut, dann bekommt man den Eindruck, dass man Facebook-Apps tatsächlich nicht allzu früh für tot erklären sollte. Es kommt, wie du schon sagst, auf Gestaltung und Umsetzung an. Wenn du möchtest, kannst du gerne eine Gegendarstellung bei http://www.socialmedia-blog.net zum Thema „Tab-Apps“ veröffentlichen!

    Herzliche Grüße,
    Stephan

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